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Ein Spa-Besuch alleine – die nackte Wahrheit

 

Ich habe mir den Tag heute frei genommen, habe jedoch ein komisches Gefühl. Kann ich wirklich alleine in den Spa gehen? Irgendwie habe ich früher Leute verurteilt die Freitagabend alleine ins Kino gehen. Irgendwie strange. Fast schon peinlich habe ich immer gedacht. Und jetzt gehe ich alleine in den Spa. Erst habe ich überlegt meine alte Schulfreundin Susanne zu fragen, aber irgendwie habe ich keine Lust zu reden. Am liebsten würde ich einfach den ganzen Tag schweigen, schließlich muss ich den ganzen Tag mit Menschen reden. Da ist die Sauna ja eigentlich perfekt. Kommt man nackt eigentlich schwieriger ins Gespräch?

Ich habe Susanne eigentlich immer gemocht. Aber ich muss gestehen, heute möchte ich einfach meine Ruhe. Sie ist eine alte Schulfreundin, keine richtige Freundin. Eine dieser Freundinnen die neben einem in der Sauna den Bauch einziehen. Susanne muss nicht den Bauch einziehen und ich muss meine Oberschenkel nicht 2 mm über der Liege schweben lassen, um aus Susannes Winkel schlanker auszusehen. Für heute zumindest eine absolute Win-Win Situation.

Schon in der Eingangshalle war die Situation anders als erwartet. Niemand hat mich gefragt ob ich noch auf jemanden warte, eine weitere Person später dazu kommt oder die von mir befürchtete Frage gestellt: Sind Sie alleine da? Es ist quasi mit der Angst zu vergleichen die man beim ersten Präservativkauf hatte.

Es hat keiner gehört – Ich wurde nicht gefragt. Und ich bin mir nicht mehr so sicher ob die Frage mich überhaupt gestört hätte. Ich gewöhne mich an die Situation und muss feststellen, dass ich nicht alleine „alleine“ bin. Es muss wohl eindeutig einen Vorteil geben alleine hier her zu kommen.

Diese Vorteile erkenne ich schnell. Ich muss nicht reden, meine Gedanken gehören mir, es ist völlig okay wenn ich die Sauna bereits nach 8 Minuten verlasse und meine Oberschenkel liegen ganz entspannt übereinander. Es ist warm, ruhig und mein Körper ist aufgeheizt. Meine Augen schließen sich, ich schlafe nicht, doch meine Augenlieder sind zu schwer um sie zu öffnen. Das ist okay, schließlich erwartet niemand eine Antwort von mir, geschweige denn, dass ich wach bleibe. Ich kann meinen Zustand nicht beschreiben. Nennt man das „in Trance sein“? Mir gefällt das Gefühl. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich dieses Gefühl das letzte Mal hatte.

Ich habe Hunger. Jetzt gehe ich auch noch alleine Essen. „Hallo, haben Sie noch einen Tisch für… mich… alleine?“ Irgendwie hört sich meine Stimme komisch an fällt mir in diesem Moment auf. So ruhige Töne bin ich gar nicht gewohnt von mir. Wann habe ich zuletzt so wenig gesprochen wie heute? Mhhhhh ein Karotten-Ingwersüppchen. Genau das richtige an so einem Wellnesstag. Leicht und gut bekömmlich.

Für Susanne vielleicht. Ich entscheide mich für das Clubsandwich mit Spiegelei und Bacon. Mein Tag – mein Clubsandwich.

Ich habe überhaupt kein Zeitgefühl, das heißt: Ich habe auch keinen Stress. Kein Handy, keine E-Mails. Ungelesene Whatsapp- Nachrichten.

#Spa #Wellness #Healthy. Kein Instagram. Diese Zeit gehört mir. Die möchte ich auch mit niemanden teilen. Auch nicht mit Susanne.

Ich trinke noch ganz gemütlich auf meiner Liege einen Tee. Ich sollte öfters Tee trinken und definitiv meinen Kaffeekonsum herunterschrauben. Aber für Kaffee ist es jetzt schon zu spät. 10 Stunden habe ich hier verbracht. Es war meine Zeit.

Ich sollte mir öfters einen Tag für mich gönnen. Fast wie im Schweigekloster. Bei dieser Vorstellung muss ich schmunzeln. Vielleicht gehe ich ja nächsten Freitag ins Kino. Alleine. Vielleicht frage ich auch Susanne.

 

 

Text: Amalia Jacobs

 

Angelika GörtzEin Spa-Besuch alleine – die nackte Wahrheit