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Die Lust in fremden Betten

„Gute Fahrt, hoffentlich besuchen Sie uns bald wieder. Und versuchen Sie bitte die A6 zu umfahren, laut Staumeldung soll es hier eine gute Stunde Verzögerung geben.“ Der Kofferraum klappt zu, das Gepäck ist verstaut. Ich drücke dem Pagen unauffällig einen 5€ Schein in die Hand und verabschiede mich mit einem zufriedenen Lächeln. Ich hoffe 5€ sind angemessen.

Es ist schön mal nicht Autofahren zu müssen. Beruflich fahre ich viel, bin immer alleine im Auto. Ich schaue nach links, er sieht entspannt aus. Irgendwie ist er älter geworden, die ersten grauen Härchen. Er merkt, dass ich ihn mustere und grinst. Es bilden sich kleine Fältchen um seine Augen, auch diese sind mir nicht aufgefallen. Es steht ihm, er wird mit jedem Jahr hübscher denke ich mir. Und irgendwie fühle auch ich mich nach diesem Wochenende schön. Zumindest hat er mir dieses Gefühl gegeben.

Wir hatten schon lange keine Zeit mehr für uns. Ich schaue aus dem Fenster und werde rot. Hotelbetten sind einfach anders. Aber woran liegt das? Sex im Hotel ist bei uns fast vorprogrammiert. Ich wäre sogar enttäuscht gewesen, wenn sich meine neue Unterwäsche nicht gelohnt hätte. Und das Entwachsen. Die ganzen Strapazen wären umsonst gewesen. Oh Gott, ich höre mich an als ob ich sonst wie ein Bär rumlaufen würde.

Er drückt meine Hand zärtlich. Ob auch er gerade an letzte Nacht denkt? Fast hätte uns eines der Zimmermädchen erwischt. Sie hat einmal geklopft, ein zweites Mal geklopft. Ich habe keine Ahnung, warum wir nicht einfach den Zimmerservice abgelehnt haben. Aber was sagt man denn da bei geschlossener Tür? „Nein danke“ ist etwas unhöflich „Ich bin gerade unter der Dusche“ unglaubwürdig, da man ja sonst das Klopfen nicht hören würde. „Sorry wir haben seit langem mal wieder Sex“… vielleicht doch etwas zu ehrlich.

Wir haben uns dann einfach schlafend gestellt. Sie hat den Kopf kurz durch die Tür gesteckt und hat diese dann wieder ganz sachte geschlossen. Diese roten Türhänger haben anscheinend doch einen tiefgründigen Sinn. Den Rest unseres Kurzurlaubes haben wir von dem roten Schildchen Gebrauch gemacht.

Aber warum ist es im Hotel anders? Vielleicht liegt es am Alltagsstress, der im Urlaub von einem nur so abfällt. Der anstehende Einkauf, die unaufgeräumte Küche, das morgige Abendessen – über diese Dinge muss ich mir keine Gedanken machen. Ich muss mich nicht aufregen, wenn das Festnetztelefon klingelt. FESTNETZ! Das braucht kein Mensch mehr. Hier werden wir nur von Zweien kontaktiert. Der Telekom oder seiner Mutter. Mit beiden möchte ich nackt nicht sprechen. Ich finde wir sollten es abschaffen.

Er hat mich die Tage auch ganz anders angesehen. Nagut, ich hatte meinen Strampler auch nicht mit dabei. Dieser kuschelige Einteiler, der so meeeega warm ist. Er nennt es den „Liebestöter“. Man trägt im Urlaub ja doch ganz andere Sachen wie zuhause, da kommen nur ausgewählte Lieblingsteile in den Koffer. Apropos Koffer… das tolle Duschgel habe ich mir, ohne seines Wissens, an der Spa-Rezeption des Hotels nachgekauft. Ich dachte mir, ich nehme den Urlaubsduft einfach mit nach Hause… unter der Dusche hat ihm das Duschgel nämlich auch sehr gut gefallen. Ich werde wieder rot.

Wir sind gleich da. Wir haben die ganze Fahrt geschwiegen. Ich glaube auch er hat an den Hotelaufenthalt zurück gedacht. Er unterbricht die angenehme Stille:
„Schatz, ich habe dem Pagen beim Check Out 5€ in die Hand gedrückt, meinst du das war angemessen?“

Text: Amalia Jacobs

Angelika GörtzDie Lust in fremden Betten